
Ich weiß ich wiederhole mich, aber ich liebe das Reisen! Ich liebe es, frei zu sein, neue Orte zu entdecken, neue Menschen kennen zu lernen und neue Kulturen zu erleben. Ich liebe das Reisen aber auch, weil ich nirgendwo sonst so sehr ich selber sein kann wie dort. Weil nirgend wann sonst mein Charakter so sehr im Vordergrund steht wie dann. Seitdem ich wieder zurück bin habe ich mich gefragt, woran das liegt. Was ist anders auf Reisen, als es hier zuhause ist? Die Antwort kam mir heute Morgen beim Frühstück: die unterschiedliche Bedeutung unseres Jobs.
Während meiner Reise in Mittelamerika war ich gut zwei Wochen lang mit zwei anderen Frauen unterwegs. Die eine kam aus Australien, die andere aus den Niederlanden. Wir hatten eine super Zeit miteinander, redeten über Gott und die Welt, nur nicht über unsere Jobs. Das fiel uns erst auf, als uns eines Tages eine vierte Person danach fragte. Erst da merkten wir, dass das all die Zeit vorher keine Rolle gespielt hat. Dass wir uns kennen und mögen gelernt hatten, ohne den Broterwerb des anderen zu kennen.
Letztes Wochenende war ich auf einer Veranstaltung in Frankfurt, auf der ich einen Mann kennenlernte. Nach kurzem, einleitenden Smalltalk fragte er mich, was ich denn so machen würde. „Ich war gerade auf Weltreise“, erzählte ich ihm. „Also arbeitslos“, war seine Reaktion. Wums. Das saß. Und damit auch der Stempel auf meiner Stirn. Er hatte sich seine Meinung von mir gebildet und an seinem Verhalten merkte ich, dass es keine gute war.
Genauso, wie sich der gute Herr letzte Woche eine Meinung von mir auf Basis meiner „Arbeitslosigkeit“ gebildet hat, haben sich bis vor gut einem Jahr noch Leute eine Meinung von mir gebildet, weil ich in der Finanzbranche arbeitete. Die Menschen haben mich in eine Schublade gesteckt und offensichtlich ist die Schublade von heute eine andere als die von vor einem Jahr. Habe ich mich also innerhalb der letzten 365 Tage so sehr verändert, dass dieses Schubladen-Denken gerechtfertigt ist? Ich denke nicht. Natürlich habe ich mich verändert, weiterentwickelt, dazugelernt. Aber im Grundsatz bin ich die gleiche Person geblieben. Mit den gleichen Werten, Normen und Charaktereigenschaften. Das Wesentliche, das sich geändert hat, ist mein beruflicher Status.
Weder die Schublade des Arbeitslosen noch die Schublade der Finanzbranche erfasst auch nur ansatzweise meine Persönlichkeit. Als Arbeitslose mag man klischeehaft denken ich sei faul und unterqualifiziert. Dabei habe ich ein sehr gut abgeschlossenen Studium und verbringe aktuell Stunden damit, mich weiterzubilden. Die Wahrheit ist, dass ich arbeitslos bin, weil ich mutig bin. Und weil ich im Leben mehr sehe, als das bisherige. Als Angestellte in der Finanzbranche mag man klischeehaft denken ich sei geldgierig und statusverliebt. Dabei lege ich überhaupt keinen Wert auf Status und meine Priorität liegt auf dem Sinn meiner Arbeit und nicht auf deren Bezahlung. In Wahrheit habe ich in der Finanzbranche gearbeitet, weil ich die Mathematik liebe.
Es ist also jederzeit falsch zu denken, dass ein Job unseren Charakter definiert. Vielmehr definiert unser Charakter unseren Job. Wenn wir wissen wollen, wer uns wirklich gegenübersteht, dann müssen wir die Person dahinter kennen lernen und nicht ihre Berufsbezeichnung. Wir müssen aufhören, uns gegenseitig in Schubladen zu stecken, denn so vergeuden wir ein Leben lang unsere Kraft dafür, aus dieser Schublade wieder herauszukrabbeln. Zu demonstrieren, dass wir eigentlich ganz anders sind.
Als wir drei Frauen in Mittelamerika voneinander erfuhren, was wir beruflich machten, waren wir alle überrascht. Es schien nicht zu passen, denn wir hatten Persönlichkeiten kennen gelernt, die den Vorurteilen der genannten Berufe nicht entsprachen. Trotzdem machten die Berufe Sinn, denn ein Teil unserer Persönlichkeit hatte uns alle zu unserer Jobwahl gebracht. Dieser Teil entsprach nur eben nicht den üblichen Klischees.
Ja, unser Job ist ein Teil unserer Person. Aber eben nur ein Teil. Warum also ist die Frage danach immer eine der ersten, die wir stellen, wenn wir jemanden neu kennen lernen? Und warum messen wir der Antwort so eine große Bedeutung bei? Warum glauben wir, dass uns die Antwort mehr Aufschluss über die Person gibt, als beispielsweise die Frage nach den bereisten Ländern oder die Frage nach den Büchern, die sie gerade liest? Während meiner Reise habe ich gelernt, dass sie das nicht tut. Im Gegenteil führt sie lediglich dazu, dass wir uns ein vorschnelles und zumeist falsches Bild unseres Gegenübers machen. Ich möchte mich selber von der Kritik nicht ausnehmen, denn auch ich ertappe mich dabei, zurück hier in Deutschland (wieder) ein größeres Augenmerk auf den beruflichen Hintergrund der anderen Menschen zu legen. Irgendwie unbewusst. Aber eigentlich auch ungewollt. Und ich sehne mich zurück nach der Art des Kennenlernens, die beim Backpacking so normal ist. Nach der Art des Kennenlernens, bei der der Mensch im Fokus steht. Mit seinen Ansichten, seinem Wissen, seiner Persönlichkeit und seinem Handeln.
Und so nehme ich mir vor, ab sofort andere Fragen zu stellen. Menschen als Menschen kennenzulernen und nicht als die Verkörperung eines Vorurteils. Ich nehme mir vor, den Job als ein Resultat des Charakters zu verstehen und Job-Schubladen für immer zu schließen. Ich wünsche mir, dass mir das größtenteils tatsächlich gelingt und wir so alle auch im Alltag ein bisschen mehr wir selbst sein können.

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