Ich finde Meeresschildkröten toll. Ziemlich toll sogar. So toll, dass mir meine Schwester vor ein paar Jahren eine Kuscheltier-Meeresschildkröte schenkte. Mit kleiner Baby-Schildkröte an Board. Seitdem mache ich eine Ausnahme meiner sonst strikten „Keine-Kuscheltiere-ab-25“-Regel und sie hat einen festen Platz auf meiner Wohnzimmer-Couch. Ich werde ein bisschen traurig, wenn ich daran denke, dass die beiden aktuell in einem luftdicht verschlossenen Müllbeutel in meinem Keller sehnsüchtig auf meine Rückkehr warten. Aber darum soll es heute nicht gehen.

Stattdessen soll es darum gehen, was mich an Meeresschildkröten so fasziniert. Zum einen sind sie unglaublich schöne Tiere. Das Ziel jedes meiner Schnorchel-Ausflüge ist es, mindestens eine von ihnen zu sehen und sie dann am besten auch noch ein Stück auf ihrem Weg zu begleiten. Zum anderen sind sie ziemlich schlaue Tiere. Das habe ich im Buch „Das Café am Rande der Welt“ von John Strelecky gelernt. Meeresschildkröten verschwenden ihre Kräfte nämlich nicht, um gegen Wellen anzukämpfen, sondern sie nutzen diese zu ihrem Vorteil und als Unterstützung auf dem Weg zu ihrem Ziel. Ganz im Gegensatz zu uns Menschen, wie Strelecky beschreibt. Viel zu oft wenden wir seiner Meinung nach unsere Energie für die falschen Dinge auf. Und so bleibt für die Dinge, die uns Spaß machen und uns unserem Ziel näherbringen, am Ende keine Kraft mehr übrig.

Es ist schon eine Weile her, dass ich das Buch gelesen habe, aber ich musste in der zurückliegenden Woche daran denken. Denn irgendwie befand ich mich in einem kleinen Energie-Tief. Vielleicht war es auch ein Motivationsloch. Jedenfalls merkte ich, dass ich bei einigen Aufgaben nicht die gewohnte Leichtigkeit verspürte. Es fühlte sich an, wie gegen eine Welle anzuschwimmen und die Metapher aus Strelecky’s Buch kam mir wieder ins Gedächtnis.

Und so entschloss ich mich auszuprobieren, wie sich das Leben als Meeresschildkröte anfühlt. Wenn ich Energie verspürte, Dinge zu erledigen, dann nutzte ich sie. Aber genauso nutzte ich auch die energielosen Phasen, um meinen Speicher wieder aufzuladen. Ich investierte Zeit in Aufgaben, die mir Spaß machten, und legte mal beiseite, was sich als lästige Pflicht anfühlte. Ich schwamm also mit meinen Energie-Wellen und nicht gegen sie und ich merkte, dass es mir guttat. Denn ich hatte keine inneren Kämpfe mit mir selber auszutragen, in denen ich mich zwanghaft versuchte für etwas zu motivieren, auf das ich keine Lust hatte. Und ich musste mich somit auch nicht über unzufriedenstellende Ergebnisse ärgern.

Nun befinde ich mich aktuell in der komfortablen Situation, dass ich meine Prioritäten selber bestimmen kann und ich das Wort „Deadline“ vorübergehend aus meinem Wortschatz gestrichen habe. Es ist also nicht schlimm, wenn manche Dinge mal etwas länger liegen bleiben als andere. Die Antreiber sind stattdessen mein eigener Anspruch sowie das schlechte Gewissen. Aber ich habe während meiner bescheidenen Surf-Erfahrungen gelernt, dass es zwar manchmal etwas dauern kann, bis die nächste Welle kommt, sie aber definitiv kommt. So wird auch die nächste Energie-Welle kommen, die mich trägt die Dinge zu erledigen, die aktuell warten mussten. Und damit hoffentlich auch wieder ein Stück der Leichtigkeit zurückbringt, die mir die vergangene Woche fehlte.

Ein Leben als Meeresschildkröte scheint also eigentlich ziemlich cool zu sein. Vor allem verlangt es, auf sich selber zu hören und sich von innen heraus treiben zu lassen. Ich finde je mehr man sich darauf einlässt, desto befreiender ist es. Denn wenn wir entsprechend unserer Energie-Wellen handeln, dann wirkt es auf einmal unterstützend statt blockierend und wir kommen mit weniger Aufwand viel schneller vorwärts. Solange es die Rahmenbedingungen zulassen, sollten wir uns im Leben also viel öfter von den Wellen treiben lassen. Und wer weiß, vielleicht werden wir ja dann im nächsten Leben als Meeresschildkröte wiedergeboren…